Künstlerischen Position von Sandra Mingram

Sandra Mingrams Malerei entsteht aus dem Zusammenspiel von Farbe, Ordnung und Bewegung. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Wahrnehmung im Bild organisiert: Wie entsteht räumliche Tiefe auf der Fläche? Wann beginnt eine Form zu schweben? Und wie verändert Farbe unser Empfinden von Nähe, Bewegung und Licht?

Ihre besondere künstlerische Fähigkeit liegt darin, gegensätzliche Kräfte in eine spannungsvolle Balance zu bringen. Geometrische Formen und präzise gesetzte Punkte geben den Kompositionen Halt, während Farbverläufe, Überlagerungen und rhythmische Verschiebungen jede endgültige Festlegung unterlaufen. So entstehen keine statischen geometrischen Systeme, sondern offene Bildräume, in denen Ordnung und Bewegung, Struktur und Atmosphäre miteinander korrespondieren.

Die Punkt-, Kreis- und Formserien sind deshalb nicht als voneinander getrennte Werkkomplexe zu verstehen, sondern als unterschiedliche Ausprägungen eines grundlegenden Anliegens: der Aktivierung des Bildraums.

Aus dieser Reduktion entwickelt sie ein eigenständiges Vokabular: Der Punkt bündelt und akzentuiert, der Kreis erzeugt Konzentration und räumliche Beziehung, die freie Form setzt Bewegung frei. Erst im Verhältnis zum farbigen Grund gewinnen diese Elemente ihre Spannung. Vorder- und Hintergrund lassen sich nicht mehr eindeutig voneinander trennen; Formen treten hervor, sinken zurück oder scheinen im Raum zu schweben. Raum wird nicht abgebildet, sondern entsteht erst im Sehen – als bewegliches Verhältnis von Fläche und Tiefe, Ordnung und Auflösung, Konzentration und Ausdehnung. Die Porträts lassen den Ursprung dieses Weges erkennen, die abstrakten Arbeiten dessen konsequente malerische Weiterentwicklung.

Diese Entwicklung lässt sich an weiteren früheren Arbeiten nachvollziehen, in denen Mingram das Geschehen beispielsweise in einem Fußballstadion schrittweise abstrahiert. Köpfe und Körper der Zuschauenden verlieren ihre gegenständliche Bestimmtheit und verdichten sich zu elementaren Formen. Dennoch bleibt der menschliche Ursprung spürbar: in der Bewegung der Menge, ihrer Vitalität und der kollektiven Euphorie. Mingram führt ihre Malerei aus der Gegenständlichkeit in die Abstraktion, ohne bei einer rein formalen Bildsprache stehen zu bleiben. Ihre Arbeiten bleiben an menschliche Erfahrung, körperliche Bewegung und Wahrnehmung rückgebunden.

Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist der Mensch. Besonders deutlich wird dies in Mingrams Porträts, die eng an Physiognomie, körperliche Präsenz und individuelle Haltung gebunden bleiben. Doch bereits hier geht es ihr nicht allein um Ähnlichkeit oder psychologische Charakterisierung. Sie reduziert und verdichtet das Gegenüber zu einer malerischen Ordnung, in der Farbe und Form zunehmend eine eigene Wirksamkeit entfalten.

Ein weiterer Zugang liegt in der Nähe ihrer Malerei zur Musik. Formen wirken als rhythmische Setzungen, Wiederholungen, Verschiebungen und farbliche Übergänge als Variationen eines Grundmotivs. Sandra Mingram malt jedoch nicht Musik; sie überträgt Prinzipien wie Rhythmus, Verdichtung, Wiederholung und Pause in die Malerei.

©Dr. Gabriele Hovestadt – Galerie Hovestadt

Künstlerischer Werdegang & Ausbildung

2000 – heute | Freischaffende Künstlerin und Diplom-Kunsttherapeutin

1996 – 2000 | Studium freie Malerei und Kunsttherapie an der Freien Kunstschule Nürtingen, Abschluss als Diplom-Kunsttherapeutin (FH)

1993 – 1994 | Auslandsaufenthalt in Finnland; Studium am Lybecker Institut für Grafikdesign in Raahe und Vertiefung der künstlerischen Arbeit

Sandra Mingram wurde 1973 in Stuttgart geboren und arbeitet seit dem Jahr 2000 als freie Kunstmalerin und Diplom-Kunsttherapeutin. Nach Stationen und Ausstellungen im In- und Ausland lebt und arbeitet sie seit 2009 mit ihrer Familie in Fürth. Während ihr Weg über ausdrucksstarke Porträtkunst führte, liegt ihr künstlerischer Fokus heute auf der freien, abstrakten Malerei.

Abstrakte Kompositionen, die nichts abbilden, sondern empfinden lassen.
Wie ein Lied fordern sie Konzentration statt Unterhaltung – sie öffnen Räume für Gedanken, Stimmungen und Zwischentöne.